Die Verantwortung der Freiheit

Immer wieder bin ich erstaunt, wie unkritisch viele Medien über neue Ideen und deren Vordenker berichten. Regelmäßig liest man von irren Heldentaten, von Tausenden gegründeter Unternehmen, von Millionen geschaffener Jobs, Milliarden mobilisierter Gelder; von weltweiten Netzwerken, die schon seit Jahrzehnten die Welt verbessern; von der Demut, mit der all dies geschehe. Die Welt wird munter in schwarz-weiß geteilt: dort die bösen Konzerne, die prinzipiell alles falsch machen und mutwillig nur auf Profit ausseien – hier die prophetenhaften Kämpfer für das Gute. Egal, was diese Leute behaupten, es wird abgedruckt, ohne zu hinterfragen. Das Gegenteil gibt es natürlich auch: wenn ein einstiger Held erstmal vogelfrei erklärt wird, gibt es in die andere Richtung kein Halten mehr. Verantwortung für die Folgen übernimmt niemand.

In der Wissenschaft nennt man das „halo-effect“: die Glaubwürdigkeit einer (ebenfalls nicht hinterfragten) Historie von Erfolgen und Siegen im Kampf von Gut gegen Böse wird auf das heute Erzählte und Publizierte übertragen. Dabei bleibt jedweder Grundsatz von journalistischem Anspruch leider auf der Strecke. Das hat schon zu dem ein oder anderen Skandal geführt, etwa als sich herausstellte, dass Human Rights Watch dem Staat Israel Kriegsverbrechen vorwarf – die Palästinenser jedoch zu unschuldigen Opfern stilisierte, und die Presse es reihenweise genauso abdruckte, ohne die Qualität der Quelle zu überprüfen. Oder als Karriere und Privatleben unseres mittlerweile ehemaligen Bundespräsidenten ruiniert wurden – obwohl das spätere Gerichtsurteil „nicht schuldig“ lautete. Daraus gelernt hat scheinbar niemand.

Natürlich ist es schon immer so gewesen, dass Menschen mit einer attraktiven Ausstrahlung mehr Gehör und Glauben geschenkt wird als den Unbeholfenen. Aber ich war immer der Überzeugung, dass Journalisten ihren Beruf ergreifen, um dieser Übermacht und Unausgewogenheit entgegen zu wirken und einem differenzierteren Bild, der vermeintlichen „Wahrheit“, Raum zu schaffen. Ich hoffe sehr, dass gerade die Angriffe auf unsere Pressefreiheit in den letzten Wochen auch dazu führen, dass sich so mancher Reporter wieder seiner ursprünglichen Ideale besinnt; und dass die Journaille insgesamt wieder vermehrt der Verantwortung steht, die diese Freiheit automatisch mit sich bringt.

 

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