Diversität ohne (Frauen-)Quote

Mein Berufsleben hat sich schon immer in eher männlich geprägten Branchen abgespielt, wobei unser Team auch einige starke Frauen beinhaltet. Ich finde die Mischung sehr angenehm, allerdings achten wir fast ausschließlich auf Leistung – wer sie erbringt, ist eigentlich egal.

Im Lauf der Zeit werden immer mehr Posten an mich heran getragen, und mit an Regelmäßigkeit grenzender Häufigkeit wird dann erzählt, man sei ja so froh, mal wieder / endlich eine Frau gefunden zu haben. Auch bei Anfragen für Keynotes oder Workshops höre ich häufig, dass man explizit einen Vertreter (sorry, Vertreterin!) des weiblichen Geschlechts gesucht hätte. Seltsamer Weise merken diejenigen dabei nicht einmal, wie beleidigend das in dem Moment ist. Denn ich möchte Positionen aufgrund meiner Leistung angeboten bekommen, nicht weil ich eine Frau bin, und auch Reden halte ich ungerne nur deswegen, weil im Programm weibliche Vornamen fehlten.

Den Höhepunkt erlebte ich vor kurzem im Rahmen eines Förderantrags: ein Mitarbeiter des zuständigen Ministeriums fragte, ob die Kollegin absichtlich keine weiblichen Formen verwendet hätte, das sei heute doch wichtig und üblich. Den Antrag hatten zwei Frauen geschrieben, und wir waren beide der Meinung, dass er inhaltlich richtig stark sei. Auf die Idee, den Text durch „Innen“-Anhängsel künstlich zu verlängern, wären wir beim besten Willen nicht gekommen.

Ich finde, es gibt eine Grenze der political correctness; in den USA wurde sie in den letzten Jahren irgendwann überschritten, so dass jeder Satz so ausgelegt werden konnte, als würde er irgendeine Minderheit benachteiligen oder verunglimpfen. Die Verärgerung hat m.E. mit zur hoffnungslos reaktionären Wahl des heutigen Präsidenten geführt. Wenn es schlecht läuft, befeuert solch eine Entwicklung auch das Opfergefühl rechter Gruppen, weil man ja „nichts mehr sagen darf“.

Es ist wichtig, regelmäßig zu reflektieren, ob das eigene Verhalten ungewollt Normen und Automatismen nutzt, die dazu führen, dass Frauen oder auch Minderheiten jedweder Art benachteiligt werden. Genauso wichtig ist mir jedoch, den Menschen vor mir zu sehen, nicht sein Geschlecht – und schon gar keine umgekehrte Diskriminierung vorzunehmen. Fokussieren wir alle wieder mehr auf das, was zu tun ist, und achten wir auf Ergebnisse, nicht deren verbale Verpackung. Dann kommen wir auch schneller zu potte.