Landflucht im Nordosten – die Wahrnehmungsfalle

Rund um „Von Bananenbäumen träumen“ ist ein atemberaubender Pressehype entstanden, der uns ganz schön auf Trab hält. Der Film läuft in immer mehr Kinos, und unser inoffizielles Ziel von 20.000 Zuschauern wird immer realistischer – damit wäre VBBT ein richtig erfolgreicher Dokumentarfilm!

Etwas befremdlich erscheint mir lediglich die Verteilung der Aufmerksamkeit: während Dörfer aus den nördlichen Bundesländern einen Besucher-Tourismus ins Osteland beginnen, tut sich der Süden schwer, das Thema Landflucht aufzugreifen. Dabei ist das beileibe kein norddeutsches Phänomen. Laut Thünen-Institut schrumpft die Hälfte aller Landkreise, inklusive des Nordens und Ostens von Bayern, des halben Saarlands, usw. Das beinhaltet noch nicht die Landkreise, die ggf. ihre Einwohnerzahl halten können, in denen aber die Menschen von den kleinen Gemeinden in die Kreisstädte ziehen – so detailliert ist die Statistik nicht.

Ein Geschäftspartner meinte dazu, es gäbe das Problem „bei uns im Süden“ nicht. Das halte ich für ein Gerücht! Sind wir wirklich so blind zu glauben, nur der Norden und Osten würden ausbluten? Ich kenne genügend Besitzer von Resthöfen oder Gründer von ganzen Ökodörfern, die Leerstände in Bayern und Baden-Württemberg genutzt haben, um ihre Träume günstig zu verwirklichen – und genauso viele Dörfer, die faktisch veröden. Sollten wir bereits eine erlernte Arroganz im Süden haben, die dazu führt, die eigenen Probleme nicht mehr wahrzunehmen?

Die Premieren in den Großstädten waren jedenfalls extrem erfolgreich, beim Publikum ist die Botschaft angekommen. Anfang April startet parallel die Überlandtour des Films, die mobil von Dorf zu Dorf zieht und die Menschen direkt vor Ort inspiriert, sich zuzutrauen, ihr Lebensumfeld selber zu gestalten. So wie der Film jetzt Kilometer macht, haben auch wir – als Land und in jeder kleinen Gemeinschaft – noch einen Marathon vor uns. Aber das Warm-up wäre schonmal geschafft.

 

Bild: (c) Thünen-Institut „Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume 2016“

Von Bananenbäumen träumen: ein Film macht Mut

Wir sind sehr, sehr stolz: über drei Jahre hat die Filmemacherin Antje Hubert unsere Arbeit in Oberndorf in Niedersachsen und den dort entstandenen Wandel begleitet. Daraus ist ein 92-minütiger Dokumentarfilm geworden, der am 5. November auf den 58. Nordischen Filmtagen Lübeck Weltpremiere feierte.

Der Saal war voll, der Film lang ausverkauft – für uns ein ganz besonderes Ereignis; wie viele Unternehmen können schon von sich behaupten, dass es einen Film über ihre Arbeit gibt? Das Werk ist einerseits oft ernst, zeigt die vielen Höhen und Tiefen auf, die Regionalentwicklung bedeuten, auch im Publikum wurden viele Taschentücher gebraucht. Aber viele heitere Momente, Szenen und Aussagen bringen das Publikum auch unweigerlich dazu, wirklich herzhaft zu lachen. Am Ende stehen Mut und die Lust, weiterzumachen – denn in Oberndorf sind noch viele Ideen und Projekte in der Mache, und die bereits begonnenen wachsen und festigen sich weiter.

Faszinierend finde ich, wie es ein Filmkritiker ausdrückte: der Film hat alle Elemente, Mittel und die Dynamik eines Spielfilms, obwohl er inhaltlich eine Dokumentation darstellt. Damit macht er es möglich, zu unterhalten und dennoch die dramatische Herausforderung, die das demographische Ausbluten des ländlichen Raums in Deutschland (und vielen anderen Ländern der Welt1) bedeutet, differenziert zu thematisieren.

Ab Frühjahr kommt „Von Bananenbäumen träumen“ in die Kinos und wird so hoffentlich noch zahlreiche andere Dörfer ermutigen, sie ebenfalls auf den Marathon „selbstermächtigte Veränderung“ zu begeben. Bis dahin soll Begleit- und Infomaterial bereit stehen, und vielleicht können wir zusammen oder im Wechsel mit der Regisseurin und einzelnen Oberndorfer Akteuren ab und zu vor Ort sein und einen Diskussionsabend anschließen, um die ersten ‚nächsten‘ Schritte bereits zu skizzieren.

Wir sind sehr, sehr stolz – und wir freuen uns, wenn auch Sie im Kino mal vorbeischauen.

Das Anthropozän – oder doch das Plastikozän?

Ein neues geologisches Zeitalter ist angebrochen: das Anthropozän. Das bedeutet, dass der Mensch jedes Jahr mehr Gestein bewegt als Tektonik, Vulkane oder sonst eine natürliche Kraft. Allein im Städte- und Straßenbau sind es mittlerweile 8 Mrd. m³ Beton pro Jahr, also 1 Kubikmeter pro Mensch und Jahr, die verbraucht werden.

Die Wissenschaftler streiten noch, seit wann genau dieses Zeitalter erreicht ist, denn auch andere Faktoren spielen eine Rolle: die Produktion von Treibhausgasen ist v.a. seit der industriellen Revolution, als der Mensch mit der Verbrennung von Fossilien in nennenswertem Umfang begann, relevant;  Radioaktivität findet sich im Packeis der Arktis, seit 1945 mit Atomtests begonnen wurde; auch viele Veränderungen landschaftlicher Natur, die Vernichtung von Lebewesen und Lebensräumen bis hin zur Übersäuerung der Ozeane gehen auf das Konto des Menschen.

Fast noch bedenklicher ist, dass der Mensch von unterschiedlichen Kunststoffen bis hin zu hochreinem Silizium aus Halbleitern diverse Verbindungen in Umlauf bringt, die in der Natur nicht vorkommen. Viele davon reichern sich an: in Vogelnestern, Muschelfiltern, Fischbäuchen… und da zahlreiche Kunststoffe gleichzeitig auch Schadstoffe an sich binden, gelangen diese über die Nahrungskette dann wieder in unseren Körper. Auch die menschliche Landschaftsprägung durch Monokulturen ist „unnatürlich“, und da Genmanipulationen zunehmend aussehen wie natürliche Mutationen, wird hier künftig eine Vermischung mit dem natürlichen Genpool stattfinden, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Ganz schön viel Verantwortung – ob wir immer wissen, was wir da tun?

Blue Economy ist regelmäßig in Gesprächen auch mit Konzernen, die diese Prozesse mit prägen und lenken. Leider kommt unsere Botschaft nicht immer an: um z.B. Urban Farming Systeme in unterschiedlichen klimatischen Bedingungen umzusetzen, und das „so low-tech wie möglich“, braucht es alte Sorten, die sich an ihre Umgebung anpassen und auch mal mit Schwankungen im Nährstoffangebot umgehen können, keine sensiblen „Rennpferde“ (Saatgut) die nur zusammen mit dem (vom gleichen Konzern bereitgestellten) idealen Mix an Kunstdünger und Pestiziden gute Erträge bringen. Plastik in Kleidung wie auch Kosmetik ist langfristig gesehen oft schlimmer als der Verzicht auf tierische Produkte – ohne deren „Abfälle“ die meisten Ökosysteme gar nicht funktionieren, die wir daher sehr gerne in unsere kaskadierenden Wertschöpfungen einbauen.

Überhaupt: wenn man intelligent kaskadiert, sind nachhaltige Systeme hochgradig konkurrenzfähig und eben nicht teurer als konventionelles Wirtschaften. Für ein systemisches Verständnis braucht es wohl noch viiiiiel Bildungsarbeit – und noch viel mehr gute Beispiele für eine profitable Umsetzung ‚blauer‘ Geschäftsmodelle.

 

Bildnachweis: aktuelles Plakat des Deutschen Museum, München

Landwirtschaft – wir sind in den Medien!

Unser Urban Farming Vorhaben TopFarmers macht derzeit große Fortschritte, und so haben wir auch viele Pressebesuche hinter (und vor) uns. Fernsehen, Zeitungen, Radio, alle sind interessiert – und unsere Schüler total aufgeregt und stolz angesichts von so viel Aufmerksamkeit.

Dabei ist es doch immer wieder erstaunlich, wie eingeschränkt wir die eigentlichen Potenziale von landwirtschaftlich produzierter Biomasse wahrnehmen. Gemäß typisch linearer Denke sollen Lebensmittel hergestellt werden – oder zur Not auch Kraftstoffe, aber eben entweder oder. Aus einer ökosystemischen Perspektive ist das völlig unsinnig, denn in der Natur ist nahezu alles multifunktional. So wird Biomasse in natürlichen Kreisläufen vollständig genutzt und zersetzt – und genauso geht das auch industriell. Bei uns wird sie bestenfalls zur Düngung untergepflügt oder thermisch verwertet, also verbrannt. Diese einseitige Sichtweise führt dazu, dass in der Zucht versucht wird, die Frucht zu maximieren und den Rest zu minimieren – damit die Pflanze sich auf die vermeintliche Cash Cow fokussieren kann. Natürliche Prozesse werden den Maximen der MBA-Schulen unterworfen – statt vom größten Ökonomen unseres Planeten, der Natur, zu lernen. Das ist entweder pervers oder arrogant – oder beides.

Schonmal überlegt, warum Öl so erfolgreich und wichtig für unsere Industrie ist? Weil in den Raffinerien sämtliche Moleküle aus dem Rohöl abgespalten werden und dann zu Treibstoff, Aromen, Silikonen z.B. für Kosmetika uvm. umgewandelt werden. Das ist auch bei Biomasse möglich: wenn wir Holz oder Stroh in ihre Bestandteile aufspalten, ergeben sich ähnlich wie bei Rohöl die Grundzutaten für (Bio)plastik, Treibstoff, Aromen, Dünger, Essigsäure, uvm. Insbesondere wenn Pyrolyse als Teil des Aufspaltungsprozesses verwendet wird, entsteht zudem auch hochwertige Kohle, die essentiell ist, um ausgelaugte Böden wieder mit Kohlenstoff zu versorgen.

Gerade Stroh, das zu Milliarden von Tonnen jedes Jahr anfällt, hat also ein enormes Potenzial. Aber auch in weniger komplexen, chemischen Prozessen kann Stroh eine hochwertige Zutat sein: als Baumaterial. Von Dächern über Dämmstoffe bis hin zur Beimengung zu Lehm gibt es jede Menge Einsatzmöglichkeiten, die zum Glück auch wiederentdeckt werden. Landwirte klagen, lange Halme gefährden die Ernte, gerade in Zeiten des Klimawandels mit heftigeren Unwettern – dabei sind traditionelle Lösungen wie kleine Hecken oder gar der Anbau in Pflanzengemeinschaften noch gar nicht so lange her. Warum nur ist das keinem in unserer vermeintlichen Wissensgesellschaft bewusst?

Unsere Schüler lernen in unserer Anlage, wie natürliche Kreisläufe funktionieren – sie müssen also das jahrelang antrainierte Schubladendenken verlassen und Systemdenken begreifen. Vielleicht entsteht dadurch in der neuen Generation eine größere Gruppe von Menschen, für die das Denken in  „Kernprodukten“ unsinnig erscheint – und für die Stroh und andere Biomassen nicht riskant bis lästiger Abfall sind, sondern ungeahnte Potenziale bieten.

 

Foto: (c) freeimages-straw-grinder-1444687-m

Berlinale und Baumhäuser

Die Großstadt steht nie still, gestern waren wir bei einem Berlinale Empfang eingeladen – wobei ich gestehen muss, keine der vielen Filmvorstellungen gesehen zu haben. Im Laufe des Abends ergaben sich wie immer auch einige verrückte Gespräche. Kennen Sie den Plänterwald in Treptow? Vielleicht auch noch den stillgelegten „Spreepark“ – das Riesenrad kann man aus der Ferne gut sehen?

Das 25 ha große Gelände hat für viele (Ost-)Berliner eine hohe emotionale Bindung, waren sie doch als Kinder oft zu Besuch bei den Fahrgeschäften. Seit der Pleite 2002 gab es immer wieder Interessenten, diverse Konzepte wurden entwickelt und wieder verworfen, weil Investoren einen Rückzieher machten – oder gar nicht erst gefunden werden konnten.

Mit einem Berliner Bauunternehmer entwickelten wir spontan die Vision eines nachhaltigen, autarken Baumhotelareals. Der Plänterwald ist weitestgehend unter Naturschutz gestellt, daher würde man Öko-Touristen ansprechen, die mit Bus und Bahn oder dem Fahrrad anreisen, aber natürlich auch Seminare für gestresste Manager anbieten, die in der Oase mitten in der Stadt zur Ruhe kommen wollen. Unser neuer Bekannter hatte bisher nur für seine Enkel ein Baumhaus gebaut, fand die Idee jedoch klasse. Wir würden jedenfalls auch schonmal ein paar Nächte reservieren.

Ein Monat voller Vorträge und Workshops

Markus hatte im Oktober wirklich alle Hände voll zu tun. Mehrere Tage in der bulgarischen Hauptstadt Sofia waren sicher das Highlight, doch auch der Workshop in Weimar vor Austauschstudenten aus mehreren afrikanischen Ländern sowie der alljährliche Entrepreneurship Summit waren geprägt von spannendem Austausch und regen Diskussionen.

In Sofia bildete sich zudem eine Gruppe, die die Gründung eines Club of Sofia anstreben – mit dem Ziel, mehr Umsetzung zu erreichen statt nur neue Konzepte zu schreiben. Ein interessanter Gedanke und sicherlich auch wertvoll, wenn er sich denn bei all den prominenten Hochschulen umsetzen lässt…