Beiträge

e-fellows Case Study „Dorf als Unternehmen“

Diesen Monat ist wieder ein Buch mit einem Beitrag von uns erschienen. Diesmal in „Perspektive Unternehmensberatung“ von der online-Stipendienplattform e-fellows. Wir haben darin eine Case Study vorgestellt, wie sie idealtypisch auch von uns selbst für unsere Kunden entworfen würde. „Das Dorf als Unternehmen“ soll Bewerber anregen, außerhalb der gewohnten Firmenstrukturen zu denken, wenn sie Geschäftsmodelle entwickeln – und nebenbei Lösungen für gesellschaftliche Probleme entwerfen.In der Praxis ist es deutlich einfacher, solche Ansätze zu realisieren, wenn der Impuls aus der Bürgerschaft kommt – am besten von den lokalen Unternehmern. In der politischen Landschaft Deutschlands wird in der Regel mehr verwaltet als gestaltet. Es fehlt häufig am Mut für Neues. Dabei könnte Politik mit ihrem Zugang zu häufig großzügigen Fördermitteln zumindest in der Anfangsphase einer konzeptionellen Neuausrichtung die Hürden senken, bis die Machbarkeit neuer Ideen ausgearbeitet ist und Investoren gewonnen werden können.Eine Zusammenarbeit zwischen Politik und Privaten wäre wirklich wünschenswert, um neue Zukunftsperspektiven für den ländlichen Raum zu entwickeln. Mit Digitalisierung allein wird es nicht getan sein. Das dringt hoffentlich auch bis zu den Koalitionsverhandlungen durch.

Landflucht im Nordosten – die Wahrnehmungsfalle

Rund um „Von Bananenbäumen träumen“ ist ein atemberaubender Pressehype entstanden, der uns ganz schön auf Trab hält. Der Film läuft in immer mehr Kinos, und unser inoffizielles Ziel von 20.000 Zuschauern wird immer realistischer – damit wäre VBBT ein richtig erfolgreicher Dokumentarfilm!Etwas befremdlich erscheint mir lediglich die Verteilung der Aufmerksamkeit: während Dörfer aus den nördlichen Bundesländern einen Besucher-Tourismus ins Osteland beginnen, tut sich der Süden schwer, das Thema Landflucht aufzugreifen. Dabei ist das beileibe kein norddeutsches Phänomen. Laut Thünen-Institut schrumpft die Hälfte aller Landkreise, inklusive des Nordens und Ostens von Bayern, des halben Saarlands, usw. Das beinhaltet noch nicht die Landkreise, die ggf. ihre Einwohnerzahl halten können, in denen aber die Menschen von den kleinen Gemeinden in die Kreisstädte ziehen – so detailliert ist die Statistik nicht.Ein Geschäftspartner meinte dazu, es gäbe das Problem „bei uns im Süden“ nicht. Das halte ich für ein Gerücht! Sind wir wirklich so blind zu glauben, nur der Norden und Osten würden ausbluten? Ich kenne genügend Besitzer von Resthöfen oder Gründer von ganzen Ökodörfern, die Leerstände in Bayern und Baden-Württemberg genutzt haben, um ihre Träume günstig zu verwirklichen – und genauso viele Dörfer, die faktisch veröden. Sollten wir bereits eine erlernte Arroganz im Süden haben, die dazu führt, die eigenen Probleme nicht mehr wahrzunehmen?Die Premieren in den Großstädten waren jedenfalls extrem erfolgreich, beim Publikum ist die Botschaft angekommen. Anfang April startet parallel die Überlandtour des Films, die mobil von Dorf zu Dorf zieht und die Menschen direkt vor Ort inspiriert, sich zuzutrauen, ihr Lebensumfeld selber zu gestalten. So wie der Film jetzt Kilometer macht, haben auch wir – als Land und in jeder kleinen Gemeinschaft – noch einen Marathon vor uns. Aber das Warm-up wäre schonmal geschafft. Bild: (c) Thünen-Institut „Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume 2016“

Die Kiwitten - ingenieur - Blue Economy Projekt Oberndorf

Anpacken statt Jammern: Zivilgesellschaftliches Engagement im ländlichen Raum

Ich möchte heute vorstellen was das Ergebnis sein kann, wenn die Bürger eines Dorfes ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, statt über den Niedergang des ländlichen Raums im Allgemeinen und ihres eigenen Umfeldes im Speziellen zu jammern. Ein Dorf, dessen Einwohner ich schon seit langem sehr bewundere für ihre Energie, Freude und Zuversicht.Das niedersächsische Oberndorf an der Oste zählt gerade mal 1.400 Einwohner. Der Friseur ist schon lange weg, die Sparkasse hat ihre Filiale vor kurzem endgültig geschlossen – und der kleine Bäcker sowie ein alteingesessener Dorfladen sind neben einer saisonalen Kneipe (auf einem Schiff) und einer Gastronomie in Bürgerhand die letzten Dienstleistungen vor Ort.Seit 2011 schon sind die Bürger in Oberndorf ausgesprochen aktiv. Ausgehend von einem Dorferneuerungsprozess sind einerseits drei Unternehmen entstanden, die für Investitionen und neue Jobs sorgen: eine Energiegenossenschaft, eine Bürgeraktiengesellschaft und bereits genannte Dorfrestauration, die durch eine Bürger-KG übernommen und neueröffnet wurde und heute mit ihrem Kulturprogramm aber auch dem sehr leckeren Essen Gäste aus der ganzen Region anzieht. Andererseits ist ein beachtliches zivilgesellschaftliches Engagement gewachsen, das sich auf zahlreiche Lebensbereiche erstreckt.Mehrere Jahre lang kämpfte Oberndorf dafür, die eigene Grundschule zu erhalten – leider wurde ein Bürgerentscheid gerichtlich abgelehnt, da waren „die Mächtigen“ am längeren Hebel. Die Konsequenz daraus? Mit der sogenannten Kiwitte bietet Oberndorf eine Nachmittagsbetreuung für Kinder zwischen 5 und 13 Jahren an, die dank Sponsoren kostenlos ist – und nicht nur von Kindern aus dem Dorf genutzt wird, sondern auch aus Nachbargemeinden. Wen wundert’s: montags Druckluftraketen bauen, dienstags Pantomime, mittwochs Segeln im Jugendkutter, donnerstags Töpfern, freitags Musizieren, uvm. – da will man ja selber mitmachen!Wirklich beeindruckend finde ich, wie in Oberndorf Flüchtlinge integriert werden. Jeder Flüchtling hat einen persönlichen Paten der dafür sorgt, dass der kostenlose tägliche Deutschunterricht (während der Kiwitte, damit auch die Flüchtlingskinder betreut sind) besucht wird, der bei Bedarf mit zum Arzt fährt, usw. Seitdem Ende Januar ein jugendlicher Flüchtling im Nachbarort vom Zug erfasst und getötet wurde, gehört zu den kostenlosen Fahrrädern ein Kurs in Verkehrssicherheit. Gemeinsames Kochen, Erzählabende mit Übersetzer, … die Liste des Angebots ließe sich schier endlos fortsetzen.Wenn jemand fehlt, wird innerhalb von wenigen Minuten telefonisch erfragt, wo der- oder diejenige ist – so wird die deutsche Liebe zur Pünktlichkeit schnell gelernt, vor allem aber die Verbindlichkeit und gegenseitige Verpflichtung, die mit einem derart großzügigen Angebot einhergeht. Die Paten investieren unglaublich viel Zeit, Energie und Geduld – weil sie der Überzeugung sind, dass diese Menschen es wert sind und einen guten Start in unserem Land verdient haben.Wir alle können anpacken und umsetzen und damit die Probleme, die es in unserem Land gibt, konstruktiv und gemeinschaftlich lösen. Ich wünsche den Oberndorfern weiterhin viel Rückenwind, und dass ihr Vorbild noch ganz viele andere zum Handeln, Nachahmen und Bessermachen bewegt.