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Gerechtigkeit – und früher war alles besser

Wir diskutieren in Deutschland v.a. im Wahlkampf viel über Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe. Immer wenn es dann heißt, „früher war alles besser“, werde ich ein wenig allergisch. „Früher“ war ein Gehalt genug, um eine Familie zu ernähren, „früher“ gab es weniger Armut, weniger Kriminalität, weniger Ungleichheit? Die Statistiken sagen etwas anderes.Als meine Eltern in der Grundschule waren (also in den 1950er Jahren), wurde die Wäsche alle 14 Tage von Hand in großen Trommeln gewaschen – da halfen alle Frauen der Familie und im Zweifel noch eine Magd mit. Telefonate wurden beim Postamt als Ferngespräche angemeldet und über manuelle Vermittlungsstellen verbunden. Freizeitbeschäftigung war das Radio, ein Fernseher war ebenso ein Luxusgut wie ein Auto.Dieses Leben konnte man also von einem Arbeitergehalt finanzieren. Seitdem ist unser Lebensstandard parallel zu unserer Produktivität massiv gestiegen, pro Kopf erwirtschaften wir in Deutschland etwa das zehnfache ggü. 1950. Wir haben große Teile unserer Armut exportiert und leisten uns heute ein Leben im Überfluss – mit Smartphones, Laptops, Xbox, Mikrowelle… die Liste lässt sich lange fortsetzen. Je 10 Einwohner verfügen wir über 5,5 Autos, jeder Haushalt besitzt 2 Computer und 3 Telefone (davon 2 Handies). Das Leben ist in kaum vorstellbarem Maße bequemer und einfacher geworden.Die Teilhabe an diesem Luxus – und ein solcher ist es im globalen Maßstab nach wie vor – ist ungleich verteilt, das ist richtig. Und er ist damit erkauft, dass unsere Familien anders funktionieren: über 70% der Frauen arbeiten (wenn auch häufig in Teilzeit – und erst seit 1977 ohne Erlaubnis des Ehemannes!), zusammen mit über 80% der Männer. Dennoch: wir sind ein sehr reiches Land mit einer überdurchschnittlichen Umverteilung durch Transferleistungen.Warum also dieses starke Gefühl von Ungerechtigkeit, wieso fallen solche Parolen auf derart fruchtbaren Boden? Ich denke, es liegt v.a. an der Art, wie wir die Umverteilung handhaben. Unser Staat sammelt mittlerweile sämtliche Daten automatisch elektronisch von uns, man könnte also meinen, dass den Behörden bekannt ist, von wie viel oder wenig Geld jemand lebt und welche Leistungen ihm oder ihr daher zustehen. Stattdessen muss jeder Euro separat beantragt und begründet werden, jeder muss sich selber informieren, was ihm/ihr eigentlich zusteht. Wer auf die Solidargemeinschaft zählt, fühlt sich als Bittsteller und soll sich auch noch dafür rechtfertigen, dass er/sie Hilfe und Unterstützung benötigt. Das ist in der Tat ungerecht und einer wohlhabenden Gesellschaft wie der unseren unwürdig.Entbürokratisierung wäre daher dringend angesagt – lange vor etwaigen Diskussionen über ein Grundeinkommen oder ähnliches. Das wäre eine Aufgabe, mit der die künftige Bundesregierung viele Punkte sammeln könnte, und sowohl wichtiger als auch günstiger als neue Steuergeschenke.

Bürgerstiftung: wie alle partizipieren

Wenn wir in unseren Regionalentwicklungsprojekten wirtschaftliche Impulse schaffen, folgt häufig auch die Frage nach der (Um-)verteilung. Im gängigen marktwirtschaftlichen Modell profitieren diejenigen, die sich mit Geld oder Leistung („Kapital“) eingebracht haben. Doch um erfolgreiche Projekte zu ermöglichen, leisten sehr viel mehr Stakeholder einen Beitrag, der auch gewürdigt werden sollte. Sicher, es entstehen ein paar Arbeitsplätze – in kleinen Ortschaften ein nicht zu unterschätzender Wert. Klar, nach Möglichkeit wurden Handwerker und Dienstleister in der Bauphase aus der Region beauftragt. Aber wie sichert man Teilhabe darüber hinaus? Die Politiker, die Türen geöffnet haben („das ist doch deren Aufgabe“), die Vereine, die Infoabende veranstaltet oder Newsletter versendet haben – und die Bürger, die im Zweifel informiert wurden, aber nicht wirklich entscheiden durften, ob sie eine Produktion mit ggf. mehr Verkehr, mehr Lärm oder mehr versiegelter Fläche vor der Haustür haben wollten – und so nett waren, es nicht zu behindern.Bürgerstiftungen sind keine neue Erfindung, aber doch ein Bereich, der durchaus mehr Bekanntheit genießen dürfte. Wir schätzen vor allem Modelle, die alle wesentlichen Beteiligten an einen Tisch bringen: Bürger natürlich, aber auch Gemeinde und Wirtschaft. Die Stiftung kann dann Anteile an dem neuen Unternehmen halten oder vertraglich garantiert x% der Gewinne (oder sogar Umsätze!) als regelmäßige Spendenzuwendung bekommen. In die Entscheidung über die Verwendung dieser Gelder kann wiederum jeder mit eingebunden werden, der sich entsprechend engagiert. Von den gemeinnützigen Vorhaben profitieren dann direkt oder indirekt letztlich alle vor Ort. Und: das bleibt auch so, selbst wenn später Verwaltungsstrukturen aufgelöst oder fusioniert werden, oder die Firma übernommen wird und ihren Sitz verlegt: das Stiftungsgeld kann vor Ort wirken.Definitiv ein Konstrukt, das wir vielen Kunden ans Herz legen. Bild: (c) Bernhard O. Schoch unter GNU Lizenz