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New Work oder geteilte Verantwortung

Es gibt Bücher, die stehen eine Weile im Schrank, ohne gelesen zu werden. Eher selten waren es Geschenke, meistens habe ich sie selber besorgt – auf Empfehlung oder weil der Buchrücken spannend klang – und dann stehen sie da und warten darauf, dass ich Zeit finde. So kam es, dass ich erst 2 Jahre nach dem Kauf „Reinventing Organisations“ gelesen habe – dafür dann fast in einem Rutsch durch.Uns beschäftigte schon länger die Frage, was wir auf der Organisationsebene noch anders handhaben könnten, sowohl bei Kunden als auch „in-house“. Die Beispiele Dritter, die wir kannten, passten irgendwie nicht oder fühlten sich zu starr an; vereinzelte Experimente mit Konsensmodellen empfanden wir jedenfalls als abschreckend und zeitfressend!Seit Weihnachten gehört das Buch zur allgemeinen Team-Lektüre. Seitdem stellen wir fest, dass wir a) wohl schon immer „anders“ waren und b) wir erstaunlich viel Kompetenz rund um das Thema „moderne Führung“ und „Potenzialentfaltung“ schon längst im Team haben! (Ich will nicht ausschließen, dass beide Punkte zusammenhängen. :-))Für alle, die jetzt nicht lange lesen wollen, gibt es hier eine Video-Zusammenfassung.Bei einzelnen Kunden haben wir die Methoden bereits eingeführt, anderen haben wir sie erst empfohlen. In jedem Fall dürfte es in den nächsten Monaten und Jahren ein spannender Prozess werden zu schauen, wo wir ankommen, wenn Hierarchien abgelöst werden durch das Tragen von jeweils so viel Verantwortung, wie sich jeder einzelne zutraut. Eines steht jetzt schon fest: wir sind noch schneller geworden, was manchmal auch ein wenig Schwindel hervorruft. Für ungeduldige Menschen wie mich definitiv ein schönes Gefühl!

Die Qual der Wahl: Demokratie ist anstrengend?

Diesen Monat stehen an unseren beiden Standorten, in Berlin und Niedersachsen, politische Wahlen an. Als Firma, die häufig in einem politisch geprägten Umfeld arbeitet, sind wir auf den Ausgang natürlich sehr gespannt.Doch noch viel mehr beschäftigt uns in letzter Zeit die Frage, ob das Land in dem wir leben eigentlich weiß, was es bedeutet, „die Wahl zu haben“. Kaum einem Land geht es so gut, kaum eine Bevölkerung ist im Durchschnitt so reich – und selbst die „Armen“ bei uns sind deutlich besser abgesichert, als es sich die Masse der weltweiten Bevölkerung überhaupt träumen lassen könnte. Und dennoch herrscht Unmut, Neid und Unzufriedenheit. Gerade auf die Politik wird geschimpft; aber selber Politiker werden um andere Entscheidungen herbeizuführen, das möchte auch k(aum)einer.Für mich bedeutet wählen zunächst einmal Verantwortung. Denn es liegt in meiner Hand, Dinge zu verändern – angefangen bei meinem eigenen Leben. Man muss Chancen nutzen, die sich bieten, statt sich in die Opferrolle zu begeben und anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich entscheide, wie ich meine Zeit verwende. Ich entscheide, wofür ich mein Geld ausgebe. Und ich entscheide, wer meine Stimme erhält, um auf politischer Ebene Rahmenbedingungen zu schaffen, die mir als Unternehmer das Wirtschaften ermöglichen.Wir leben in einem Land, das uns nahezu jede Freiheit lässt, unser Leben nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ich bin dafür unendlich dankbar, denn für diese Voraussetzungen habe ich nichts getan, ich bin zufällig in diese glückliche Situation hinein geboren. Also nutzen wir sie. Deutschland ist ein Land der Möglichkeiten. Anstrengung wird in der Regel belohnt. Und selbst wenn mir nicht gefällt, was die Mehrheit am Ende durch ihre Kreuzchen gewählt hat – gerade im kommunalen Raum ist es oft ganz einfach, sich einzubringen. Denn Gemeinderäte und Bezirksabgeordnete sind im Zweifel meine Nachbarn, oder wohnen ein paar Hundert Meter weiter. Man kann sie ansprechen: im Supermarkt, in der Kneipe, oder beim örtlichen Sportverein.Tun Sie das mal. Reden Sie mit „gewählten Volksvertretern“, hören Sie auch deren Sorgen und Zwänge. Gehen Sie in einen Dialog und Austausch. Sie werden sehen: es gibt immer Spielräume und kreative Lösungen, um wichtige Themen zu bewegen. Manchmal muss man dafür Kompromisse schließen – oder auf andere Prioritäten verzichten. Darüber lässt sich sprechen. Gestalten wir das Deutschland, das wir uns erträumen. Gemeinsam.

Das Anthropozän – oder doch das Plastikozän?

Ein neues geologisches Zeitalter ist angebrochen: das Anthropozän. Das bedeutet, dass der Mensch jedes Jahr mehr Gestein bewegt als Tektonik, Vulkane oder sonst eine natürliche Kraft. Allein im Städte- und Straßenbau sind es mittlerweile 8 Mrd. m³ Beton pro Jahr, also 1 Kubikmeter pro Mensch und Jahr, die verbraucht werden.Die Wissenschaftler streiten noch, seit wann genau dieses Zeitalter erreicht ist, denn auch andere Faktoren spielen eine Rolle: die Produktion von Treibhausgasen ist v.a. seit der industriellen Revolution, als der Mensch mit der Verbrennung von Fossilien in nennenswertem Umfang begann, relevant;  Radioaktivität findet sich im Packeis der Arktis, seit 1945 mit Atomtests begonnen wurde; auch viele Veränderungen landschaftlicher Natur, die Vernichtung von Lebewesen und Lebensräumen bis hin zur Übersäuerung der Ozeane gehen auf das Konto des Menschen.Fast noch bedenklicher ist, dass der Mensch von unterschiedlichen Kunststoffen bis hin zu hochreinem Silizium aus Halbleitern diverse Verbindungen in Umlauf bringt, die in der Natur nicht vorkommen. Viele davon reichern sich an: in Vogelnestern, Muschelfiltern, Fischbäuchen… und da zahlreiche Kunststoffe gleichzeitig auch Schadstoffe an sich binden, gelangen diese über die Nahrungskette dann wieder in unseren Körper. Auch die menschliche Landschaftsprägung durch Monokulturen ist „unnatürlich“, und da Genmanipulationen zunehmend aussehen wie natürliche Mutationen, wird hier künftig eine Vermischung mit dem natürlichen Genpool stattfinden, die nicht rückgängig gemacht werden kann. Ganz schön viel Verantwortung – ob wir immer wissen, was wir da tun?Blue Economy ist regelmäßig in Gesprächen auch mit Konzernen, die diese Prozesse mit prägen und lenken. Leider kommt unsere Botschaft nicht immer an: um z.B. Urban Farming Systeme in unterschiedlichen klimatischen Bedingungen umzusetzen, und das „so low-tech wie möglich“, braucht es alte Sorten, die sich an ihre Umgebung anpassen und auch mal mit Schwankungen im Nährstoffangebot umgehen können, keine sensiblen „Rennpferde“ (Saatgut) die nur zusammen mit dem (vom gleichen Konzern bereitgestellten) idealen Mix an Kunstdünger und Pestiziden gute Erträge bringen. Plastik in Kleidung wie auch Kosmetik ist langfristig gesehen oft schlimmer als der Verzicht auf tierische Produkte – ohne deren „Abfälle“ die meisten Ökosysteme gar nicht funktionieren, die wir daher sehr gerne in unsere kaskadierenden Wertschöpfungen einbauen.Überhaupt: wenn man intelligent kaskadiert, sind nachhaltige Systeme hochgradig konkurrenzfähig und eben nicht teurer als konventionelles Wirtschaften. Für ein systemisches Verständnis braucht es wohl noch viiiiiel Bildungsarbeit – und noch viel mehr gute Beispiele für eine profitable Umsetzung ‚blauer‘ Geschäftsmodelle. Bildnachweis: aktuelles Plakat des Deutschen Museum, München

Die Verantwortung der Freiheit

Immer wieder bin ich erstaunt, wie unkritisch viele Medien über neue Ideen und deren Vordenker berichten. Regelmäßig liest man von irren Heldentaten, von Tausenden gegründeter Unternehmen, von Millionen geschaffener Jobs, Milliarden mobilisierter Gelder; von weltweiten Netzwerken, die schon seit Jahrzehnten die Welt verbessern; von der Demut, mit der all dies geschehe. Die Welt wird munter in schwarz-weiß geteilt: dort die bösen Konzerne, die prinzipiell alles falsch machen und mutwillig nur auf Profit ausseien – hier die prophetenhaften Kämpfer für das Gute. Egal, was diese Leute behaupten, es wird abgedruckt, ohne zu hinterfragen. Das Gegenteil gibt es natürlich auch: wenn ein einstiger Held erstmal vogelfrei erklärt wird, gibt es in die andere Richtung kein Halten mehr. Verantwortung für die Folgen übernimmt niemand.In der Wissenschaft nennt man das „halo-effect“: die Glaubwürdigkeit einer (ebenfalls nicht hinterfragten) Historie von Erfolgen und Siegen im Kampf von Gut gegen Böse wird auf das heute Erzählte und Publizierte übertragen. Dabei bleibt jedweder Grundsatz von journalistischem Anspruch leider auf der Strecke. Das hat schon zu dem ein oder anderen Skandal geführt, etwa als sich herausstellte, dass Human Rights Watch dem Staat Israel Kriegsverbrechen vorwarf – die Palästinenser jedoch zu unschuldigen Opfern stilisierte, und die Presse es reihenweise genauso abdruckte, ohne die Qualität der Quelle zu überprüfen. Oder als Karriere und Privatleben unseres mittlerweile ehemaligen Bundespräsidenten ruiniert wurden – obwohl das spätere Gerichtsurteil „nicht schuldig“ lautete. Daraus gelernt hat scheinbar niemand.Natürlich ist es schon immer so gewesen, dass Menschen mit einer attraktiven Ausstrahlung mehr Gehör und Glauben geschenkt wird als den Unbeholfenen. Aber ich war immer der Überzeugung, dass Journalisten ihren Beruf ergreifen, um dieser Übermacht und Unausgewogenheit entgegen zu wirken und einem differenzierteren Bild, der vermeintlichen „Wahrheit“, Raum zu schaffen. Ich hoffe sehr, dass gerade die Angriffe auf unsere Pressefreiheit in den letzten Wochen auch dazu führen, dass sich so mancher Reporter wieder seiner ursprünglichen Ideale besinnt; und dass die Journaille insgesamt wieder vermehrt der Verantwortung steht, die diese Freiheit automatisch mit sich bringt. Foto: (c) freeimages-news-1109654-m