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News - Unternehmensberatung - Nachhaltigkeit, Innovation & Regionalentwicklung

Sich neu erfinden: eine Region gibt sich ein neues Profil

Sowohl der wirtschaftliche als auch der demografische Wandel stellen viele Regionen in Deutschland vor große Probleme. Besonders im ländlichen Raum zeigt sich der Strukturwandel deutlich. Vielerorts hat ein Mangel an Arbeitsplätzen und Perspektiven dazu geführt, dass junge Menschen weggezogen sind – häufig in die Großstädte. Doch wo immer weniger Menschen leben, wird auch weniger investiert. Das hat weitreichenden Folgen für alle Bereiche der Gesellschaft. Dabei ist gesellschaftlicher Wandel kein neues Phänomen. Das Erzgebirge stand Mitte des 19. Jahrhunderts vor ähnlichen Herausforderungen: der Bergbau war fast vollständig zum Erliegen gekommen. Die Landesregierung warb dafür, dass Fachleute aus anderen Branchen sich in der Region ansiedeln sollten. Der Uhrmachermeister Ferdinand Adolph Lange folgte diesem Ruf – und konnte die Behörden für ein mutiges Experiment gewinnen. Nach dem Vorbild der Schweizer Werkstattprinzips, bei dem sich diverse kleinteilige Firmen auf spezifische Bauteile spezialisieren und so effizienter sind als jemand, der eine gesamte Uhr selber baut, bildete Lange junge Menschen zu Spezialisten aus. Ihm folgten weitere Uhrmacher, und es entstand eine Tradition, die bis heute anhält: Glashütte steht weltweit für Qualität und Innovation bei hochwertigen Uhren und kann bis heute im internationalen Wettbewerb mithalten. Auch heute ist es möglich, dass eine Region sich neu erfindet und für alle eine gemeinsame neue Identität geschaffen wird. Hierfür müssen alle an einem Strang ziehen: Bürger, Verwaltung und lokales Gewerbe. Zunächst müssen drei Kernfragen beantwortet werden: Was haben wir? Wer sind wir? Wohin wollen wir? Werden diese Themen ehrlich diskutiert und beantwortet, kann Wandel als Chance genutzt werden. Inspiration und Ideen von außen gibt es zu Hauf, oft bedarf es lediglich eines kleinen Impulses, um aus der Vielfalt der Möglichkeiten diejenige zu identifizieren, die zum Ausgangspunkt für eine neue Entwicklung werden kann – und die im Einklang mit den identifizierten Werten und Zielen steht. Ist die Abwärtsspirale einmal gestoppt, lässt sich die Entwicklung ja auch ins positive „schrauben“. Die Potenziale dafür sind bereits vorhanden, es gilt sie gemeinsam zu heben.Foto: (c) FreeImages.com/lev olson

Die Kiwitten - News - Unternehmensberatung - Nachhaltigkeit, Innovation & Regionalentwicklung

Anpacken statt Jammern: Zivilgesellschaftliches Engagement im ländlichen Raum

Ich möchte heute vorstellen was das Ergebnis sein kann, wenn die Bürger eines Dorfes ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, statt über den Niedergang des ländlichen Raums im Allgemeinen und ihres eigenen Umfeldes im Speziellen zu jammern. Ein Dorf, dessen Einwohner ich schon seit langem sehr bewundere für ihre Energie, Freude und Zuversicht. Das niedersächsische Oberndorf an der Oste zählt gerade mal 1.400 Einwohner. Der Friseur ist schon lange weg, die Sparkasse hat ihre Filiale vor kurzem endgültig geschlossen – und der kleine Bäcker sowie ein alteingesessener Dorfladen sind neben einer saisonalen Kneipe (auf einem Schiff) und einer Gastronomie in Bürgerhand die letzten Dienstleistungen vor Ort. Seit 2011 schon sind die Bürger in Oberndorf ausgesprochen aktiv. Ausgehend von einem Dorferneuerungsprozess sind einerseits drei Unternehmen entstanden, die für Investitionen und neue Jobs sorgen: eine Energiegenossenschaft, eine Bürgeraktiengesellschaft und bereits genannte Dorfrestauration, die durch eine Bürger-KG übernommen und neueröffnet wurde und heute mit ihrem Kulturprogramm aber auch dem sehr leckeren Essen Gäste aus der ganzen Region anzieht. Andererseits ist ein beachtliches zivilgesellschaftliches Engagement gewachsen, das sich auf zahlreiche Lebensbereiche erstreckt .Mehrere Jahre lang kämpfte Oberndorf dafür, die eigene Grundschule zu erhalten – leider wurde ein Bürgerentscheid gerichtlich abgelehnt, da waren „die Mächtigen“ am längeren Hebel. Die Konsequenz daraus? Mit der sogenannten Kiwitte bietet Oberndorf eine Nachmittagsbetreuung für Kinder zwischen 5 und 13 Jahren an, die dank Sponsoren kostenlos ist – und nicht nur von Kindern aus dem Dorf genutzt wird, sondern auch aus Nachbargemeinden. Wen wundert’s: montags Druckluftraketen bauen, dienstags Pantomime, mittwochs Segeln im Jugendkutter, donnerstags Töpfern, freitags Musizieren, uvm. – da will man ja selber mitmachen! Wirklich beeindruckend finde ich, wie in Oberndorf Flüchtlinge integriert werden. Jeder Flüchtling hat einen persönlichen Paten der dafür sorgt, dass der kostenlose tägliche Deutschunterricht (während der Kiwitte, damit auch die Flüchtlingskinder betreut sind) besucht wird, der bei Bedarf mit zum Arzt fährt, usw. Seitdem Ende Januar ein jugendlicher Flüchtling im Nachbarort vom Zug erfasst und getötet wurde, gehört zu den kostenlosen Fahrrädern ein Kurs in Verkehrssicherheit. Gemeinsames Kochen, Erzählabende mit Übersetzer, … die Liste des Angebots ließe sich schier endlos fortsetzen.Wenn jemand fehlt, wird innerhalb von wenigen Minuten telefonisch erfragt, wo der- oder diejenige ist – so wird die deutsche Liebe zur Pünktlichkeit schnell gelernt, vor allem aber die Verbindlichkeit und gegenseitige Verpflichtung, die mit einem derart großzügigen Angebot einhergeht. Die Paten investieren unglaublich viel Zeit, Energie und Geduld – weil sie der Überzeugung sind, dass diese Menschen es wert sind und einen guten Start in unserem Land verdient haben.Wir alle können anpacken und umsetzen und damit die Probleme, die es in unserem Land gibt, konstruktiv und gemeinschaftlich lösen. Ich wünsche den Oberndorfern weiterhin viel Rückenwind, und dass ihr Vorbild noch ganz viele andere zum Handeln, Nachahmen und Bessermachen bewegt.

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Für mehr Solidarität mit Flüchtlingen in Europa

In den letzten Wochen und Tagen spitzt sich das Flüchtlingsdrama vor unser aller Haustür dermaßen zu, dass mir fast schon schwindelig wird. Die Nachrichten sind teilweise so erschreckend, dass einem der Atem stockt – erst recht gepaart mit den eiskalten Kommentaren mancher Politiker, insbesondere aus osteuropäischen Ländern. Bei mir und unserem Team bleibt das Gefühl, handeln zu müssen. Die Solidaritätswelle, der derzeit durch Deutschland rollt, ist wirklich toll, sie macht einen stolz – auch wenn das Verwaltungschaos das sie überbrückt eher peinlich ist. Eigentlich dachte ich immer, wir sind gut organisiert; für die Marke „made in Germany“ ist das, was in manchen Gemeinden derzeit abgeht, jedenfalls kein Imagegewinn! Seit zwei Wochen gibt es ganz in der Nähe von unserem Büro ein Flüchtlingsheim, rund 1.000 Menschen sind dort innerhalb weniger Tage aufgenommen worden – und die Karlshorster Nachbarschaft hat bereits Fahrradwerkstätten, Bastelnachmittage und Joggingrunden organisiert, bis auf Möbel werden keine Sachspenden mehr benötigt. Absolut beeindruckend!! Inspiriert davon haben wir diese Woche gemeinsam überlegt, wo wir glauben, einen Unterschied machen zu können. Wir waren uns schnell einig: mittelfristig gelingt Integration nur, wenn Jobs vorhanden sind. Die Sprache wird schneller gelernt, Netzwerke geknüpft, das Selbstbewusstsein gefestigt – Mensch „kommt an“. Ganz langsam wächst auch bei unseren Behörden die Erkenntnis, dass wir dafür erstmal die Qualifikation erfassen müssen, damit diese Menschen ihr Potenzial einsetzen und entfalten können. Wenn sich die Euphorie der Ankunft und das Entsetzen über die langen Formulare dann gelegt hat, dürfte die Frage nach dem Arbeitsmarktzugang ins Zentrum der Aufmerksamkeit der meisten Flüchtlinge rücken, die nahezu alle darauf brennen, sich ihren Lebensunterhalt mit ehrlicher Arbeit zu verdienen.Machen wir uns nichts vor: Makroökonomisch bluten mit der Flüchtlingswelle ganze Länder aus, ihre Mittelschicht und ihre jungen, tatkräftigen Bürger kommen zu uns. Für Deutschland ist das ein Segen, unsere Wirtschaft braucht frische Fachkräfte die Lust haben, etwas zu leisten. Bloß nicht rumsitzen und die Wand anstarren müssen! In der Realität werden unsere Bemühungen um manch andere Randgruppen, wie Langzeitarbeitslose, dafür vermutlich sinken – der Bedarf der Unternehmen wird schon bald anderweitig gedeckt, und wenn die Sprache erstmal beherrscht wird, sind junge Kandidaten mit hoher Motivation ziemlich sicher im Vorteil.Wir arbeiten jetzt jedenfalls daran, in unserem kleinen Team Platz zu schaffen und gleichzeitig ein Modellprojekt zu entwickeln und umzusetzen, das unser Netzwerk, unsere Stärken und unser Erfahrungswissen nutzbar macht. Ich glaube ehrlich, dass Blue Economy sehr viel Lernpotenzial „für’s Leben“ bietet, selbst oder gerade auch für Menschen, die eines Tages vielleicht doch wieder in ihre Heimat zurückkehren – und dann das Wissen um ressourcenoptimiertes Wirtschaften mitnehmen.Jede Krise ist auch eine Chance, und unser Land – aber auch die EU insgesamt – sollte sie nutzen. Die Länder, deren Arbeitsmarkt sich heute reformiert, flexibilisiert und verjüngt werden in den nächsten Jahren die Früchte ernten. Hauptsache, jeder von uns unterstützt im Rahmen seiner Möglichkeiten diesen Veränderungsprozess, der ohnehin unvermeidlich geworden ist. Refugees welcome! Wer spenden möchte: hier die betterplace-Kampagne von blogger-für-Flüchtlinge.

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Grenzen der Meinungsfreiheit

Ab und an flucht man als Deutscher doch über unsere Bürokratie: wenn Ämter wegen angeblichen Formfehlern Anträge erneut „von Null“ vorlegen lassen, wenn Zuständigkeiten auf 5 Behörden verteilt sind, oder der Regulierungswahn jeden Unternehmer verzweifeln lässt, weil er faktisch ständig zwischen Pragmatismus und Legalität balancieren muss. Nicht zuletzt zweifelt man manchmal an unserem Justizsystem – wo zwischen Recht haben und Recht bekommen (also Gerechtigkeit) Welten liegen können. Insbesondere im Internetzeitalter hat sich da manches verschoben. So ist es z.B. im Rahmen der Meinungsfreiheit erlaubt, Dritte wüst zu beschimpfen und mit in Frage verpackten Behauptungen zu überziehen, und das in aller Öffentlichkeit. Selbst wenn daran kein Gramm Wahrheit ist, kann der Beleidigte nur schwer juristisch dagegen vorgehen; wenn er es tut, hat er die Kosten erstmal selber zu tragen und darf dann schauen, ob und wie er sie (falls er vor Gericht Recht bekommt) vom Täter zurück bekommt. In der Öffentlichkeit bleibt immer ein Rest kleben, nach dem Motto „war da nicht mal was von wegen …? Ein Quäntchen Wahrheit muss ja dran sein…“. Und so ist der Ehrliche der Depp, das Opfer doppelt geschädigt. Besonders Journalisten und Politiker erleben das zunehmend: ein Gerücht verselbständigt sich und wird im schlimmsten Fall zur rufschädigenden Kampagne. Selbst Morddrohungen sind keine Seltenheit mehr – dann halt anonym, so bleiben die Täter straffrei. Halten wir als Gesellschaft keine Meinungsverschiedenheiten mehr aus? Können wir so etwas nicht mehr ausdiskutieren? Ist die Anzahl derer, die glauben, über Dritte urteilen zu dürfen, größer geworden – oder nur die Möglichkeiten, seine Meinung öffentlich zu verbreiten? Vielleicht kann einfach ein Teil der Bevölkerung mit dem hohen Maß an Liberalismus, den wir uns heute gönnen, nicht umgehen – denn Freiheit bedeutet ja immer auch Verantwortung. Ich hoffe, wir schaffen es als Gesellschaft, noch viel klarer gegen Ausgrenzung und Diffamierung Position zu beziehen. Insbesondere Menschen, die sich für positive Veränderungen einsetzen, müssen geschützt werden – es kann nicht sein, dass wir Pöbeleien, Verleumdung und gar Drohungen als unvermeidbare „Randerscheinung“ hinnehmen. Egal ob Flüchtlinge bei uns Schutz suchen, Juristen gegen Korruption kämpfen oder Prominente ein Zeichen für Humanität setzen: sie alle müssen wissen, dass die Masse der Gesellschaft hinter oder sogar schützend vor ihnen steht. Foto: freeimages/David Lat

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Sind gute Nachrichten eine Nachricht wert?

In der Presse scheint leider mehrheitlich zu gelten: only bad news is good news – zumindest für die Verkaufszahlen der Printauflagen. Wie sonst lässt sich erklären, dass wir ständig nur von Katastrophen, Krisen und Konflikten lesen, während unser alltägliches Erleben überwiegend positiv ist – wie kann dann die Welt ständig am Abgrund stehen? In der ZEIT vom Wochenende war dazu ein mehrseitiger Artikel, der mir aus der Seele sprach.

Der Autor des Artikels, Martin Spiewak, stellt fest, dass die aktuelle Generation von Kindern statistisch nachweislich gesünder, glücklicher und besser ausgebildet ist als jede vor ihr– während sich Bücher über unsere angeblich emotional verwahrlosten, aggressiven und medial abgestumpften Kinder als Bestseller etablieren. Die haargenau gleichen Schlagzeilen standen aber schon in den 50ern in der Zeitung – und vermutlich haben sich bereits die Römer über die junge Generation ‘von heute’ echauffiert.

Auch der schwedische Medizinprofessor Hans Rosling stellt seit vielen Jahren fest, dass unsere Sicht auf den Zustand der Welt viel zu negativ ist, positive Entwicklungen werden kaum wahrgenommen. Egal ob Lebenserwartung, Einkommensverteilung, Geburtenraten oder Alphabetisierung, selbst bei mehreren Antwortmöglichkeiten wählen die meisten Menschen die schlechteste, obwohl oft die beste richtig wäre (Quiz hier!). Dabei muss ich zugeben, dass ich selber häufig daneben lag, obwohl ich mich im Zweifel eher überdurchschnittlich viel mit Themen rund um Armut und Klimawandel beschäftige.

Das heißt ja nicht, dass alles rosig und bestens ist. Aber der Trend ist bedenklich, denn das pauschal-Negative verstellt uns den Blick für die Themen, an denen es tatsächlich noch zu tun gibt – und nimmt Menschen die Motivation, für Veränderung zu kämpfen. Wenn wir uns bewusst machen, wie viel Positives bereits erreicht wurde, trauen wir uns auch zu, neue Dinge anzupacken. Baustellen gibt es schließlich nach wie vor genug!

Ich bin mir sicher: wenn die Presse nur ein wenig ausgewogener berichten würde, wäre der Wandel hin zu einer nachhaltigen, ‘gerechten’ menschlichen Gesellschaft sehr viel schneller zu bewerkstelligen. Wer darauf nicht warten will, packt einfach schonmal mit an.

Foto: (c) freeimages (hands-1434811-2-m-300x)