IDEEN FÜR LANDWIRTSCHAFT & ENERGIE

In Oberndorf an der Oste fand ab 2010 eine Dorfentwicklung statt, begleitet vom Institut für Partizipatives Gestalten (IPG). Im Zuge dieses Projektes wurden Strukturen für Bürgerpartizipation geschaffen, wie ein monatliches Forum, und es fanden sich zahlreiche Interessenten für die Gründung einer Genossenschaft, deren Fokus auf erneuerbaren Energien liegt.

Anfang 2012 wurden wir gebeten, uns vorzustellen und weitere Ideen und Denkanstöße für die Potenziale des Dorfes zu geben. Für uns war sehr schnell deutlich, dass inmitten der Milchregion Deutschlands Gülle eigentlich nicht ein Problem, sondern eine Chance darstellt. So entstand folgendes Modell: Gülle wird auf mehreren landwirtschaftlichen Höfen separiert, der feste Bestandteil zu einer Biogasanlage gefahren, die gänzlich mit Gülle beschickt wird. Das an sich bringt bereits mehrere Vorteile aus volkswirtschaftlicher Sicht: Gewässer werden entlastet und der Landwirt kann die verbleibende flüssigere Gülle besser ausbringen. Zudem besteht keine Konkurrenz zu Mais, der sonst für die Erzeugung für Biogas aufgekauft wird.

Aus der Gülle wird in der Biogasanlage Energie. Die Abwärme wird zu zwei Zwecken genutzt: einmal zur Trocknung der Gärreste, die dann zu Dünger pelletiert und abgepackt als Produkt in nährstoffarme Regionen gebracht werden. Die verbleibende Wärme wird zur Fischzucht eines besonders ökologischen Fisches verwendet: der afrikanische Wels (clarias gariepinus) ist wärmeliebend, robust und sehr schmackhaft. Er hat eine sehr gute Futterverwertung von ca. 1:1 (ein kg Futter werden in ein kg Fisch verwandelt) und fühlt sich im dichten Schwarm sehr wohl, so dass eine hohe Besatzdichte möglich ist. Das Abwasser wird derzeit noch über eine Pflanzenkläranlage gesäubert, perspektivisch sind jedoch Gewächshäuser geplant, in denen nicht nur Gemüse sondern auch Bananenbäume gedeihen sollen.

EIN DORF ALS UNTERNEHMEN

Um dieses Modell umzusetzen, wurde in Oberndorf eine Bürgeraktiengesellschaft gegründet: die ostewert AG. Die Dynamik im Dorf führte zu mehreren weiteren Projekten: im Gebäude der geschlossenen Grundschule bietet die „Kiwitte“ eine kostenlose Nachmittagsbetreuung, inklusive Mittagessen, Hausaufgaben und spannenden Angeboten wie Segeln auf dem Jugendkutter oder physikalische Experimente. Nachdem die örtliche Bäckerin in Rente ging, übernahm der Heimathafen mit Gebäck und Wein im Café-Stil das Lokal. Die geschlossene Gaststätte wurde durch eine kleine Gruppe von Bürgern zunächst ehrenamtlich neueröffnet, heute ist die Kombüse 53° Nord ein beliebtes Restaurant mit leckeren Speisen – und mittlerweile mehreren bezahlten Angestellten. Jüngst hat nun die ostewert AG die örtliche Schlachterei übernommen, da auch hier der Eigentümer in Ruhestand ging. Insgesamt sind so 11 Arbeitsplätze in dem kleinen Ort entstanden – und die Entwicklung geht noch weiter!

Von 2013 bis 2016 wurden wir bei dieser Dorfentwicklung von einem Filmteam begleitet. Herausgekommen ist der Dokumentarfilm „Von Bananenbäumen träumen“, der im Herbst 2016 sehr erfolgreich auf mehreren Filmfestivals gezeigt wurde und ab 30.03.2017 bundesweit in den Kinos läuft.