Schmackhaftes Multitalent: Pilze

Hintergrund

Pilze sind auf den ersten Blick eher unscheinbare Organismen. Was wir sehen sind meist braune oder weiße Fruchtkörper, die an Waldrändern und unter Bäumen wachsen. Doch ihre Größe ist trügerisch. Unter der Erde erstreckt sich die wahrhaftige Masse des Pilzes, ein komplexes Geflecht aus wurzelartigem Myzel (= fadenförmige Zellen von Pilzen). So ist ein Pilz das größte Lebewesen dieser Erde: Ein Hallimasch (Honigpilz) mit 370.000 Quadratmetern und 440 Tonnen Gewicht, sowie stolzem Alter von 2.500 Jahren.1 Der älteste Fund eines Pilzes wurde in Gesteinsformen in Kongo entdeckt und ist 715 bis 810 Millionen Jahre alt.2 Pilze sind übrigens keine Pflanzen, sondern bilden ein eigenes Reich von Lebewesen, welches nach dem Tierreich das zweitgrößte ist. Da Pilze heterotroph (von anderen ernährend) und gleichzeitig recht immobil sind, haben diese spezifische Nischen besetzt und sind substanzielle Symbiosen zum Überleben eingegangen. Diese sind so bedeutungsvoll für das Funktionieren unseres Planeten, dass Pilze wohl auch als Kleber der Erde bezeichnet werden könnten.

Eine der wichtigsten dieser Symbiosen besteht zwischen Pilzen und Bäumen. Während Bäume die Pilze mit Zucker und weiteren Kohlehydratverbindungen beliefern, sorgt der Pilz dafür, dass der Baum ausreichend Nährstoffe zu sich nehmen kann, wehrt Krankheitserreger ab, hilft bei der Produktion von Hormonen und vernetzt die Bäume untereinander.3

Auch bei toten Organismen spielen Pilze eine wichtige Rolle. So sind sie einer der wichtigsten Zersetzer von totem organischem Material. Dabei binden sie zusätzlich Nährstoffe im Boden und halten durch ihre Verflechtungen Wasser länger in der Erde, was zu einem besserem Mikroklima und Pflanzenwachstum führt und zusätzlich bei der Wasserfiltration hilft.

Auch außerhalb des natürlichen Raumes sind Pilze von Bedeutung. So sind sie ein beliebtes Lebensmittel, was unter anderem in Käse und fermentierten Lebensmitteln genutzt wird. Auch als Fleischersatz werden sie gerne verwendet. In Getränken sind sie ebenfalls wichtiger Bestandteil, zum Beispiel in Prozessen zur Bier- und Weinherstellung.

Zudem wurde einer der wichtigsten medizinischen Fortschritte durch Pilze entdeckt und zwar das erste Antibiotikum: Penicillin.

Bei der BE Solutions beschäftigten wir uns bereits sehr lange mit dem Thema Pilze und haben sowohl unterschiedliche Projekte begleitet als auch eigene Versuche gemacht. Was vor 10 Jahren noch recht unentdeckt war, ist nun vermehrt auch im Mainstream angekommen. Was seitdem erforscht wurde, wollen wir euch hier nahelegen. 

Innovation

In dem letzten Jahrzehnt hat sich vieles in der Pilzverwendung getan. Eine sehr interessante Innovation liegt in neuartigen und umweltfreundlichen Verpackungen. Pilze haben ich hier als wertvolle Alternative herausgestellt. Diese können in den benötigten Formen gezüchtet und anschließend getrocknet werden. So können vor allem Styroporverpackungen ersetzt werden. Ikea verwendet zum Beispiel bereits Pilzverpackungen für Weinwaren, die Stöße abfedern können und dazu biologisch abbaubar sind. Sogar größere Formen wie Möbel können aus Pilzen geschaffen werden.

Eine weitere Innovation besteht darin, Pilze zu veganem Leder zu verarbeiten und in der Textilindustrie zu nutzen. Während veganes Leder meistens aus Kunststoff besteht, nicht biologisch abbaubar und nicht atmungsaktiv ist, kann das Pilzleder dagegen in diesen Punkten überzeugen und ist zudem noch wasserabweisend.5 Es kann innerhalb von 2 Wochen auf Sägespänen hochgezogen werden und verbraucht kaum Ressourcen. Dazu kann es durch Veränderungen der Wachstumsbedingungen (wie Feuchtigkeit und Temperatur) in unterschiedliche Stärken und Strukturen produziert werden.

Wenn es um die Lebensmittelversorgung geht könnten Pilze ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Sie sind nicht nur selber eine gute Proteinquelle (wobei sie im Vergleich zu Fleisch, viel weniger Treibhausgase produzieren), sondern helfen dabei, andere landwirtschaftliche Nahrungsmittel auf dem Feld vor Krankheiten zu schützen und entziehen den Böden Verunreinigungen.6 So können Pilze als Bioremediator dazu genutzt werden Böden Verschmutzungen zu entziehen (wie zum Beispiel Schwermetalle). Die Schadstoffe werden im Fruchtkörper aufgenommen und können anschließend entsorgt werden.

Eine weitere Anwendung als Bioremediator erschließt sich bei Ölkatastrophen. Pilze haben in Studien ein Appetit für Öl gezeigt. Sie wurden bereits testweise auf ölverschmutzten Gewässern eingesetzt und können mindestens genauso gut gegen die Verschmutzung vorgehen wie herkömmliche chemische Substanzen.7

Nun sollen Pilze auch dazu genutzt werden, umweltschädliche Düngemittel zu reduzieren. Denn durch die symbiotischen Verbindungen von Pilzen mit Pflanzen wird der Dünger effizienter aufgenommen. So soll das Einbringen eines schädlichen Überschusses an Nährstoffen in die Natur reduziert werden. Dabei muss man sich lediglich der natürlichen Symbiosen bedienen. 

Auch zum Thema Energie können Pilze einen Beitrag leisten. Diese können nämlich zu Biokraftstoff verarbeitet werden und dadurch den CO2 Ausstoß durch endliche Ölressourcen verringern. Das große Plus bei Pilzen ist, dass sie dabei, im Vergleich zu anderen Energiepflanzen wie Raps, dem Platz für Nahrungsmittel keine Konkurrenz machen.8

Potential

Umso mehr man sich mit dem Organismus-Pilz beschäftigt, umso klarer wird das enorme Potential. BE Solutions hat in den letzten 10 Jahren unterschiedlichste Fähigkeiten von Pilzen auf Problemstellungen bei Kunden als Lösung identifiziert, die Wirtschaftlichkeit analysiert und die Umsetzung begleitet. Häufig werden dabei aus einer ungenutzten Ressource neue Einkommensströme. Als Berater freuen wir uns immer, in neuen Kundensituationen und Herausforderungen bislang ungeborgene Anwendungsmöglichkeiten von Pilzen zum Einsatz bringen zu dürfen.

Besonderes Potential sehen wir in der Lösung von Müllproblemen. Umso komplexer unsere Herstellungsprozesse werden, umso komplexer und schädlicher werden häufig auch unsere Abfallprodukte. Pilze haben als Zersetzer bereits gezeigt, dass sie viele Schadstoffe aufnehmen und komplizierte molekulare Strukturen aufbrechen können. Das Pilz-Müll-System ist an sich recht einfach und kann somit auch in finanziell schwächeren Ländern schnell hohe Resultate bei Müllproblemen erzielen, auch in der Zersetzung von Kunststoffen. Insbesondere mit dezentralen Ansätzen („numbering up“) können somit auch komplexe Entsorgungsprobleme flächendeckenden Lösungen zugeführt werden. Bei dem biologischen Abbau unsere Abfallprodukte durch Pilze würde viel Energie eingespart werden und gleichzeitig eine Lebensmittelquelle entstehen. 

Ein weiteres Potential liegt in der Nutzung als Baustoff. Reststoffe aus der Landwirtschaft werden für bestimmte Arten von Pilzen genutzt, die hohe stärke aufweisen. Diese nutzen und umwachsen die Reststoffe mit ihrem Myzel und halten somit alles auf natürliche Weise zusammen. So könnten ganze Häuser aus Pilzstrukturen gebaut werden. Besonders eignen tuen sie sich vor allem, da sie von Natur aus Schimmelresistent sind und gute Dämmeigenschaften haben. Bei der Produktion wird im Vergleich zu herkömmlichen Baumaterialien wenig Energie benötigt und sogar ein Abfallstoff verwertet. Zusätzlich ist das neue Material biologisch abbaubar.

Beide oben genannten Potentiale führen uns näher zu einer umweltfreundlichen Kreiswirtschaft, in der vermeintliche Abfälle vernetzt zu Ressourcen werden.

Quellen:

1 https://www.smithsonianmag.com/smart-news/mushroom-massive-three-blue-whales-180970549/

https://www.wissenschaft.de/erde-klima/pilze-sind-aelter-als-gedacht/

https://www.pilzfinder.de/symbiose.html

4 https://theconversation.com/how-fungi-can-help-create-a-green-construction-industry-128041

5 https://en.reset.org/blog/fungi-power-mushrooms-replacing-leather-eco-friendly-fashion-11122018

https://www.treehugger.com/mushrooms-could-drastically-cut-fertilizer-use-in-agriculture-4854688

7 https://www.alternet.org/2010/10/can_oil-eating_mushrooms_clean_up_after_a_spill/

8 https://www.tagesspiegel.de/wissen/umweltrevolution-pilz-erzeugt-biodiesel/1363890.html